Lutz Pittner über den Wandel des Schiedsrichterwesens
  11.11.2021 •     Handball BW , Allgemein , Schiedsrichter , Verein


480 Spiele in 16 Jahren Bundesliga (1. und 2. Liga) ist die Bilanz auf die Lutz Pittner nach seiner Schiedsrichterkarriere zurückblicken kann. Im Interview berichtet er über besondere Momente seiner Schiedsrichterkarriere und erklärt wie sich das Schiedsrichterwesen in den letzten Jahren verändert hat.

Hallo Lutz erzähle mir etwas von Dir!

Nachdem ich mit 17 Jahren angefangen habe zu pfeifen, war ich 16 Jahre aktiver Schiedsrichter beim DHB (1. und 2. Liga gepfiffen). Während meiner Laufbahn als Schiedsrichter hatte ich drei verschiedene Partner, mit Christian Moles habe ich vor ein paar Jahren meine ,,Profikarriere“ beendet. Hauptberuflich bin ich Staatsanwalt, was sich zeitlich teilweise als sehr schwierig herausgestellt hat. Ich erinnere mich an Spiele bei denen Christian mich noch in der Robe abgeholt hat und wir direkt zum Spiel gefahren sind. Aber rückblickend muss ich sagen, dass das immer irgendwie vereinbar war. Ich war schon immer begeisterter Handballer, diese Leidenschaft setze ich auch nach meiner Karriere fort und bin momentan als Schiedsrichterbeobachter für den DHB und als Vizepräsident Recht für den Badischen Handball-Verband angestellt.

Wie kamst du dazu ein Schiedsrichter zu werden?

Ich habe früher selbst aktiv Handball gespielt und hatte bereits sehr früh den Wunsch Schiedsrichter zu werden. Damals als Jugendspieler hatte ich mich regelmäßig über teilweise schlechte Leistungen der Unparteiischen geärgert und war der Überzeugung, dass ich das besser kann. Nach meiner Schiedsrichterausbildung habe ich weiter aktiv Handball gespielt, sogar bis in die Regionalliga.

Was hast du getan, um am Ende erfolgreich zu sein?

Ein großer Vorteil war sicherlich, dass ich selbst Handball gespielt habe und mich in den Sport/das Spiel hineinversetzen konnte. Ein gewisses Grundtalent und eine Affinität müssen aber auch vorhanden sein. Unsichere Typen haben es schwer. In meiner Auffassung ist das Allerwichtigste für junge Schiedsrichter die Kritikfähigkeit. Wenn du selbst alles richtig findest, wirst du nie besser und bleibst stehen. Mir war es immer besonders wichtig ein Spiel im Nachgang konstruktiv zu reflektieren.

Welcher Moment ist dir besonders in Erinnerung geblieben? Gab es eine Mannschaft, einen Spieler oder eine Begegnung, die du besonders gerne gepfiffen hast? Warum?

Einen einzigen Moment kann ich nicht definieren, da mir das Pfeifen durchgehend Spaß gemacht hat. Ich habe mein Hobby auch in all den Jahren nie in Frage gestellt. Jedoch habe ich mich immer über ein konstruktives Feedback gefreut. Beispielsweise erinnere ich mich noch an eine Partie. Ich glaube das war in Wetzlar gegen den THW Kiel. Bei dem Spiel hat der THW recht knapp gewonnen und mein Partner und ich hatten ein paar unglückliche Entscheidungen getroffen. Nach dem Spiel kommt Alfred Gislason zu uns in die Kabine und hat gesagt ,,Jungs ich mag euch, aber heute habt ihr nicht gut gepfiffen, lasst uns da mal kurz drüber sprechen“. Er hat sich dann mit uns in die Kabine gesetzt und ist ganze 45 Minuten das Spiel mit uns nochmals durchgegangen. Wir haben auf einer konstruktiven und respektvollen Ebene die Entscheidungen diskutiert. Dieser Moment ist mir seither in Erinnerung geblieben. Natürlich muss man dabei auch aufpassen, schließlich machen das Trainer oder Spieler nicht nur um dem Schiedsrichtergespann etwas Gutes zu tun. Denen ist bewusst, dass wir in ein paar Wochen wieder eine Partie ihrer Mannschaft pfeifen werden.
Durch die Einsätze in der Bundesliga hatten wir auch einige Gespräche mit Bob Hanning, ein Mann der wie kein anderer polarisiert. Diese Gespräche ob positiv oder negativ waren auch immer sehr hilfreich und erinnerungswürdig.

Dann gibt es noch die Klassiker wie zum Beispiel die schwäbischen Derbys, die wir oft gepfiffen haben. Diese Spiele waren natürlich voller Emotionen.
Ein ganz besonderes Spiel war damals das Nachholspiel HBW Balingen Weilstetten gegen den SC Magdeburg. Das Spiel wurde nachgeholt weil auf dem Weg nach Balingen das Schiedsrichtergespann Methe/Methe tödlich verunglückt ist. Ich habe in meiner ganzen Karriere noch nie solch eine stille Halle erlebt wie an diesen Spieltag. An solche Spiele erinnert man sich zwar nicht gerne, aber sie bleiben einem dennoch in Erinnerung. Ich glaube in der Balinger Schiedsrichterkabine hängt bis heute ein Foto der beiden Brüder….

Wie haben dein Partner und du zusammengefunden? Kanntet ihr euch bereits vorher?

Ich hatte in meiner Laufbahn mehrere Partner. Das wird nicht zugelost und ist mehr oder weniger ein zufälliger Prozess. Man lernt sich kennen, oftmals im eigenen Bezirk bei irgendwelchen Maßnahmen und wenn man das Gefühl hat, das passt, kann man als Gespann pfeifen. Ein Schiedsrichter kann nur gemeinsam mit seinem Partner auf- oder absteigen. Bei mir war das so, dass meinem ersten Partner damals das Pfeifen innerhalb des Bezirks ausreichte, mein zweiter Partner ist irgendwann nach NRW gezogen. Danach hatte ich einige Angebote von verschiedenen Schiedsrichtern, aber mit keinem konnte ich mir vorstellen als Gespann zu pfeifen. Christian, meinen letzten Partner, kannte ich schon aus meiner Jugendzeit. Wir haben eine Zeit lang zusammen Handball gespielt. Daher wusste ich, dass das funktionieren wird und wir auf einer Wellenlänge sind.

Auf dem Feld musstet ihr euch blind vertrauen. War das immer so? Wie hat sich das entwickelt? Was habt ihr dafür getan?

Man kannte sich schon irgendwie und sucht sich einen Partner mit dem es passt, der sympathisch ist. Bei einigen Schiedsrichterkollegen hat das Zwischenmenschliche nicht gepasst, daher habe ich deren Angebote abgelehnt. Ich wusste, dass ist nicht mein Typ, das passt nicht. Das Vertrauen entsteht dann mit der Zeit.

Als aktiver Handballer kennt man den Ablauf vor einem Spiel. Wie kann man sich das aus Schiedsrichtersicht vorstellen? Hast du dich auch auf Partien vorbereitet? Wenn ja, wie?

Das Schiedsrichterwesen hat eine große Entwicklung in den letzten Jahren hinter sich. Früher hat man sich getroffen, gepfiffen und ist wieder Heim gegangen, nach Abpfiff hatte man nichts mehr mit dem Spiel zu tun. Mittlerweile ist das alles viel professioneller. Heute wird jedes Spiel nachgearbeitet. Es gibt neutrale Beobachtungen, einen regelmäßigen Austausch mit dem Partner, sowie Stützpunkttrainings mit Leistungstest. Das Monitoring, die Kontrolle und das Training sind viel intensiver geworden. Die Vorbereitung auf Spiele erfolgt mittlerweile viel stärker. Auf der Hinfahrt wird besprochen wie man in die Partie reingeht. Man schaut sich die Ergebnisse und die Tabellensituation an. Vielleicht schaut man sich auch nochmal die einzelnen Spielertypen und Trainertypen an. Das ist jedoch auch gefährlich, denn eine zu große Vorbereitung könnte bedeuten, dass man voreingenommen in das Spiel geht. Man muss aber neutral bleiben. Jedoch muss man trotzdem wissen was auf einen zukommen.

Wie hat sich das Pfeifen im Laufe der Zeit verändert?

Ich würde sagen das Pfeifen hat sich definitiv verändert. Zum einen ist es wie bereits angesprochen deutlich professioneller geworden, zum anderen haben sich auch die Schiedsrichter verändert. Während man früher hauptsächlich als eher ,,gnadenloser Richter“ auf dem Feld stand und dabei der sehr kleinliche Chef im Ring war, hat sich das Verständnis eines Schiedsrichters heute geändert. Mittlerweile ist man mehr als nur ein Richter, man ist eher ein Gamemanager. Es wird heutzutage viel mehr auf die Softskills geachtet. Damit meine ich, dass zur Spielleitung auch die Kommunikation mit Spielern und Trainern gehört. Man muss die Emotionen und den Druck verarbeiten und kontrollieren können. Auch wenn am Ende alle 50:50 Entscheidungen regeltechnisch vertretbar waren, muss man im Laufe des Spiels darauf achten, diese auf beiden Seiten gelichermaßen zu verteilen. Und sicherlich ist auch der Druck, der auf den Schiedsrichtern lastet, gewachsen. Die HBL hat sich professionalisiert in den letzten Jahren. Es geht nicht mehr nur um den Ausgang einer Partie, mittlerweile geht es um Geld und Arbeitsplätze und das lassen dich die Vereine und Fans spüren.

Wo siehst du das Problem bei der heutigen Suche nach Jungschiedsrichtern?

Der Job ist leider sehr unattraktiv. Das geht bereits im Jugendbereich los. Dort wo man neue Schiedsrichter suchen sollte. Doch gerade dort ist das Verständnis und die Akzeptanz oftmals nicht oder kaum vorhanden. Junge Schiedsrichter werden in ihren Anfangszeiten gerne von Eltern oder Zuschauern angeschrien, dass sie danach keine Lust mehr haben zu pfeifen ist nachvollziehbar.

Hast du einen Lösungsweg für das Problem?

Zuerst muss man das eben angesprochene Verständnis und die Akzeptanz aufbauen. Man muss bei den Verantwortlichen und Eltern dafür sorgen dieses auch in der Sporthalle, beim Spiel zu leben und eben nicht von oben jede falsche Entscheidung zu kommentieren. Zudem sollte man den Jugendlichen aufzeigen was der Job als Schiedsrichter einem auch außerhalb des Spiels bringen kann. In meinen Augen gibt es für die Persönlichkeitsentwicklung nichts Besseres als Entscheidungen treffen zu müssen und diese auch zu vertreten. In Konflikte geraten und diese überstehen. Bei Bewerbungsgesprächen kam mein Hobby immer gut an, denn mein Gegenüber konnte sich sicher sein, dass ich zu meinen Entscheidungen stehe, auch wenn sie vielleicht einmal falsch waren. Man gewinnt dadurch unheimlich an Persönlichkeit und an Profil. Ich sehe da auch die Verbände und Bezirke in der Verantwortung. Die jungen Schiedsrichter benötigen eine gute Betreuung und eine gute Beratung, um richtig zu wachsen.

Wie sieht dein ,,Schiedsrichter-Ruhestand“ jetzt aus?

Ich muss zugeben, ich bin nicht unbedingt weniger in der Halle als vorher. Als Schiedsrichterbeobachter für die 1. und 2. Bundesliga bin ich dem DHB weiterhin erhalten geblieben und verbringe immer noch einige Zeit mit dem Handballsport. Zudem bin ich im Badischen Handball-Verband als Vize-Präsident Recht gewählt wurden, da bin ich aber mehr auf der Verwaltungsschiene unterwegs. Ab und zu stehe ich auch nochmal selbst auf dem Feld und pfeife ein Spiel auf niedrigem Niveau oder fiebere von der Tribüne aus bei den Spielen meiner Töchter mit. Da kann ich dann manchmal nicht ganz als Schiedsrichter abschalten. Ich würde nie von der Tribüne runterschreien oder einen Schiedsrichter auf dem Feld angehen. Manchmal hinterfrage ich jedoch die Entscheidungen, vor allem von Jungschiedsrichtern und spreche sie gegebenenfalls nach dem Spiel darauf an. Das geschieht aber nie von oben herunter, sondern immer auf einer ebenbürtigen Ebene.

Warum bist du dem DHB treu geblieben?

Weil das Pfeifen einfach verdammt viel Spaß macht. Durch meine Tätigkeit als Schiedsrichterbeobachter bleibe ich weiterhin im Kontakt mit den Schiedsrichtern und den Vereinen. Zudem macht es mir großen Spaß meine Erfahrungen weiterzugeben. Wir möchten mit deiner Geschichte junge Schiedsrichter dazu aufmuntern weiterhin aktiv und engagiert zu bleiben.

Was kannst du Jungschiedsrichtern mit auf den Weg geben?

Spiele leiten macht einfach unheimlich viel Spaß. Es gibt kaum etwas Geileres als bei einem engen Speil mit guter Atmosphäre Teil dieses Spiel zu sein. Das ist sensationell. Die Emotionen, die bei solchen Spielen herrschen sind unbeschreiblich. Spieler, die du eigentlich im Fernseher siehst, neben denen stehst du und trinkst danach vielleicht noch ein Bier mit denen. Ein Teil dieses Handballsports zu sein ist geil. Du gehörst dazu wie jeder Spieler auch. Du wirst akzeptiert und als Teil des Spiels angesehen. All das macht einfach verdammt viel Spaß.

Das Gespräch führte Sarah Klatte.